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Wassili Golowanow: Das Buch vom Kaspischen Meer, Matthes & Seitz Berlin, 1071 S., Leinen, 48 €

Seit seiner – ebenfalls bei Matthes & Seitz erschienenen – Reportage Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens über seinen Aufenthalt auf der Insel Kolgujew in der östlichen Barentsee ist der russische Essayist Wassili Golowanow auch in Deutschland einem breiten Publikum bekannt. Sein Schreibstil verbindet tagebuchartige Reiseberichte mit historischen, mythologischen und philosophischen Tiefenbohrungen sowie einer an den großen russischen Romanciers des 19. Jahrhunderts geschulten epischen Breite. Der Autor selbst hat ihn gelegentlich durchaus zutreffend als „Geopoesie“ bezeichnet. In seinem neuen, mehr als 1000 Seiten dicken Werk hat er sich einem Schauplatz zugewandt, der aufgrund seiner Schlüsselstellung zwischen Orient und Okzident schon beinahe als „Nabel der Welt“ angesprochen werden könnte, gleichwohl aber eher ein mediales Schattendasein führt: dem Kaspischen Meer. Wer geneigt sein sollte, sich von so vielen Seiten über eine geographische und historische „Randerscheinung“ abschrecken zu lassen, dem sei gesagt, dass es lange kein derart voluminöses Buch mehr gegeben hat, was soviel spannende Informationen und atemberaubende Erzählungen barg. Der anarchische Impetus des Autors, seine Neugier auf das Andere des Orients, seine Belesenheit und seine stilistische Raffinesse machen die Lektüre zum fortdauernden Vergnügen. Das größte Binnenmeer der Welt, an dem die südöstlichsten Ausläufer Europas mit Mittelasien und dem Iran zusammenstoßen und das – wie es an einer Stelle des Buches heißt – im wahrsten Wortsinn den Namen eines „Mittelmeers“ verdiente, bekommt dank der individuellen Perspektive des reisenden und räsonierenden Autors die ihm gebührende Faszination zurück – in Zeiten des von China vorangetriebenen Projekts einer „Neuen Seidenstraße“ gerade rechtzeitig, wie man hinzufügen möchte. Manche Rezensenten haben Golowanow eine „einseitige“, wo nicht „naive“ Orientbegeisterung als Gegenbild „westlicher Dekadenz“ vorgeworfen. Sie müssten denselben Vorwurf dann aber auch Dostojewski und Tolstoi machen und sich fragen lassen, wie arm die Weltliteratur ohne die von diesen beschworene „russische Seele“ und die davon bis heute ausgehende poetische Ansteckungsgefahr wäre.