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Samuel Selvon: Eine hellere Sonne, dtv, 252 S., gebunden, 22 €

Neben dem Nobelpreisträger V.S. Naipaul ist Samuel Selvon der zweite bedeutende Dichter des 20. Jahrhunderts, der auf der karibischen Insel Trinidad geboren und aufgewachsen ist. Doch so sehr sich die Lebensläufe der beiden Dichter ähneln – beide verließen die Insel in jungen Jahren und lebten später in London –, so unterschiedlich sind ihre Stilmittel und literarische Programmatik. Selvon ist dem deutschen Publikum erst in allerjüngster Zeit durch seinen im Londoner Einwanderermilieu angesiedelten großen Roman Die Taugenichtse bekannt geworden. In seinem jetzt ebenfalls von Miriam Mandelkow ins Deutsche übertragenen Debütroman aus dem Jahr 1952 erzählt er eine Geschichte aus dem Milieu der indischstämmigen Einwohner Trinidads, dem er selbst entstammt. Dank seiner bildhaften und am kreolischen Englisch der Eingeborenen orientierten Sprache versetzt Selvon seine Leser ganz unmittelbar in die umtriebige karibische Welt der vierziger Jahre. Tiger und Umilla, wie die beiden Helden des Buches heißen, werden von ihren Eltern nach allgemeinem Brauch schon als Sechzehnjährige verheiratet, ohne sich überhaupt zu kennen. Mit Tigers Unsicherheiten über die damit verbundenen ehelichen Pflichten setzt der Roman ein, der mit gutem Recht als ein karibischer Bildungsroman bezeichnet werden kann. Im Verlauf der Geschichte wird das junge Paar aus seinem Heimatdorf an die Ränder der Hauptstadt Port of Spain verschlagen und erlebt die infolge des wachsenden strategischen Interesses der britischen Kolonialmacht und der Amerikaner einsetzende Modernisierung. Selvons fast 70 Jahre alter Roman besticht gerade aus dem Abstand der Zeit durch das authentische Bild der in diesem Umfeld keimenden Hoffnungen auf ein anderes selbstbestimmtes Leben.