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Roy Jacobsen: Die Unsichtbaren. Eine Insel-Saga, C.H. Beck, 613 S., gebunden, 28 €

Die Roman-Trilogie Die Unsichtbaren des norwegischen Dichters Roy Jacobsen, ist auf der kleinen Insel Barrøy im Norden Norwegens angesiedelt und spielt zwischen 1913 und der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden ersten Romane der Trilogie sind in der Übersetzung von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann unter den Titeln Die Unsichtbaren und Weißes Meer schon 2014 und 2016 im Hamburger Osburg-Verlag erschienen. Jetzt hat sich der in München ansässige Verlag C.H. Beck der gesamten Trilogie angenommen und nicht nur den letzten Teil Die Augen der Rigel, sondern unter dem Titel Die Unsichtbaren alle drei Romane in einem Band publiziert. Das Unternehmen ist sinnfällig, insofern die drei Romane nicht nur historisch aufeinander aufbauen, sondern sich der breite epische Ansatz tatsächlich erst in der Gesamtschau dem Leser erschließt.

Die Heldin des Buches wächst auf der kargen, nicht einmal einen Quadratkilometer großen Schäreninsel als Tochter der einzigen dort lebenden Familie auf – in Verhältnissen von ökonomischer Armut und intellektueller Abgestumpftheit, wie sie das ländliche Leben in Norwegen noch weit in das 20. Jahrhundert hinein prägten. Beeindruckend ist, wie Jacobsen es vermag, die dadurch bestimmte Einfachheit des Denkens und Fühlens seiner Heldin in eine moderne Literatursprache zu übersetzen, die es dem Leser erlaubt, unmittelbar an deren Empfindungen und Gedankenströmen teilzunehmen. Im weiteren Verlauf der Handlung holt die moderne Geschichte mehr und mehr die Insel und ihre Bewohner ein, etwa indem sich der Vater beim Eisenbahnbau auf dem Festland verdingt und sodann mit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die Handlung des zweiten Teils kulminiert in Gestalt eines auf der Insel strandenden schwer verletzten Russen, der sich von einem bombardierten Schiff mit Gefangenen gerettet hat und den die Heldin nicht nur versteckt und pflegt, sondern dem sie sich auch körperlich hingibt und dadurch schwanger wird. Im letzten Teil, der nach Kriegsende spielt, bemüht sie sich, der Geschichte dieses Mannes auf die Spur zu kommen, bereist mit ihrer kleinen Tochter das traumatisierte Nachkriegs-Norwegen und gelangt in ein immer noch bestehendes Konzentrationslager für polnische und russische Kriegsgefangene. Ihre Hoffnung, dort den Vater ihrer Tochter zu finden bzw. etwas über ihn zu erfahren, erfüllt sich nicht – die verstörende Information über sein Schicksal erreicht vermittels einer Schlussnotiz des Autors allein den Leser.