Go to Top

Richard Middleton: Das Geisterschiff, neu übersetzt von Andreas Nohl, Steidl, 128 S., Leinen, 18 €

Der Göttinger Steidl Verlag wartet in diesem Jahr mit einer neuen Klassiker-Reihe auf, die der Schriftsteller, Übersetzer und Kritiker Andreas Nohl unter dem Titel Steidl Nocturnes herausgibt. Sie ist Wieder- und Neuentdeckungen des Unheimlichen in der Literatur gewidmet und hat im ersten Jahr – neben einem Auszug aus Musils Mann ohne Eigenschaften – gleich zwei unterhaltsame Klassiker mit maritimen Affinitäten im Programm: unter dem Titel Tamango einen Novellenband aus der Feder des französischen Schriftstellers, Politikers und Übersetzers Prosper Mérimée (1803–1873) sowie unter dem Titel Das Geisterschiff eine Sammlung phantastischer Kurzgeschichten des begabten britischen Dichters Richard Middleton, der sich 1911 im Alter von nur 29 Jahren das Leben genommen hat. Uns scheint insbesondere der letztere Band eine ausdrückliche Empfehlung wert, zumal der Autor hierzulande nicht die Bekanntheit der beiden anderen besitzt. Indes zeichnen sich Middletons Erzählung durch eine reizvolle Balance von psychologischer Raffinesse, Humor und irrlichternder Phantastik aus, die die Neuübersetzung von Andreas Nohl adäquat zur Geltung bringt. Das titelgebenden Geisterschiff etwa segelt dreht keineswegs an irgendwelchen entfernten Kaps seine Runden, sondern ankert kurzerhand auf einem englischen Rübenacker, hat feinsten Rum an Bord und seine Besatzung lädt die neugierigen Dorfbewohner ohne alle Berührungsängste zum gemeinsamen Schnapstrinken ein.