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Michail Stavarič: Fremdes Licht, Luchterhand, 512 S., gebunden, 22 €

Auch wenn der im tschechischen Brünn geborene Autor Michael Stavarič schon seit seiner Kindheit in Österreich lebt, greift er mit seiner Vorliebe für absurde, groteske und surreale Szenarien unverkennbar auf eine gerade in Tschechien lebendige literarische Tradition zurück. Die Heldin seines neuen, in einer dystopischen Zukunft spielenden Romans ist einerseits als Genforscherin für eine Schweizer Firma tätig, die aus archivierten Gensequenzen Lebewesen rekonstruiert, hat zugleich jedoch grönländische Inuit als Vorfahren aufzuweisen. Die von ihrem Eskimo-Großvater erlernten Überlebenstechniken kommen ihr zugute, als sie sich plötzlich in einer menschenleeren Eiswüste wiederfindet, aber nicht nur das: In ihrer Erinnerung hat sich auch die uralte schamanische Überzeugung gehalten, dass die Übergänge zwischen Realität und Phantasie fließend und alles nur Vorstellbare auf eine gewisse Weise „real“ ist. Wenn es also den Anschein hat, dass der gute alte Planet Erde nach dem Zusammenstoß mit einem Kometen untergegangen ist und es nur einigen Wenigen vorbehalten blieb, sich mit einem „Flugschiff“ auf einen Exoplaneten im weiten All zu retten, und offenbar ihr allein, in der eisigen Jenseitslandschaft des Romans zu stranden und zu überleben – so ist dies nicht zuletzt als ein Roman über die phantastischen Potenziale der Sprache und des menschlichen Denkens zu lesen. Zugleich beschwört der Autor die Figur eines intergalaktischen weiblichen Robinson mit demiurgischen Zügen: Unter Rückgriff auf diverses aus dem „Flugschiff“ geborgenes Instrumentarium nimmt die Heldin nicht allein ihr Überleben in die Hand, sondern sie experimentiert nebenbei mit der Reproduktion irdischer Lebewesen aus der gentechnischen Retorte. Wobei die Ausflüge ihrer Gedanken den fernen Planeten mit der Erinnerung an Grönland, die Geschichte ihrer Großeltern, die Expedition Fridtjof Nansens sowie Gedankensplittern aller Art zu einem vielstimmigen und bizarren, kaum je überschaubaren Panoramabild der in unserer Gegenwart kursierenden Phantasien und Ängste verweben.