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Mathias Énard: Kompass, Hanser, 427 S., gebunden, 25 €

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es wäre eine gelinde Untertreibung, Mathias Énards mit dem „Prix Goncourt“ und dem Leipziger „Buchpreis zur europäischen Verständigung“ ausgezeichneten Roman Kompass als „Inselgeschichte“ zu subsumieren. Tatsächlich spielen Inseln darin nur am Rande eine Rolle – etwa als Aufenthaltsort der französischen Orientalistin Sarah, an die sich der Held und Ich-Erzähler von seiner Wiener Wohnung aus während einer schlaflosen Nacht erinnert, oder bei seinen späteren Reflexionen über eine gemeinsamen Reise im Persischen Golf. In übertragenem Sinn bildet indes die ganze erinnerte Welt im Kopf des Helden eine Insel, die er während einer schlaflosen Nacht vor seinem inneren Auge Revue passieren lässt – und wird der Teppich in seinem Zimmer zu einem „fliegenden Teppich“, der ihn wie in einem orientalischen Märchen auf die fernen Inseln und zu seiner französischen Freundin führt. Aber „Inseln“ hin oder her: Mathias Énards voluminöser und zurecht preisgekrönter Roman über den sogenannten „Orient“ strotzt geradezu von überbordendem Detailwissen, Erfahrungen eigener Reisen, historischen und literarischen Anspielungen und suggestiver Sprachkraft. Und soweit wir sehen, ist er schlicht das Beste, was der Literatur in den letzten Jahren passiert ist. Wer dieses Buch gelesen hat, begreift nicht nur, wie fundamental der Orient das westliche Denken geprägt hat und zugleich über weite Strecken dessen eigene Fiktion ist, sondern sieht auch die Kriege im Nahen und Mittleren Osten und die vor ihnen fliehenden Menschen mit anderen Augen.