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Lutz Seiler: Stern 111, Suhrkamp, 528 Seiten, gebunden, 24 €

Auch wenn Inseln und Meere in Lutz Seilersnur am Rand eine Rolle spielen (wobei immerhin die Strände von Malibu und Kreta in sinnfälligen Nebenrollen mit von der Partie sind). Nichtsdestotrotz ist zu konstatieren, dass Seilers vor der Kulisse Hiddensees einstudierter Kruso-Sound, der ihm 2014 den Deutschen Buchpreis und diverse weitere Auszeichnungen eingebracht hat, den Leser auch durch das Ost-Berlin der Nachwendezeit zwischen Oranienburger Straße und Prenzlauer Berg trägt. Am ersten Ort – dazumal eingerahmt vom besetzten Künstlerhaus Tacheles und dem größten Berliner Straßenstrich – liegt die Szenekneipe „Assel“, in der der Held des Romans seinen Dienst tut: „ein U-Boot zwischen Eiszeit und Kommune“, wie es an einer Stelle heißt. Zwei Kilometer nördlich steht – im damals noch kein bisschen gentrifizierten Viertel um den Kollwitzplatz der dortige Wasserturm – „Ankerplatz, Leuchtturm und Hafen“, an dem der Held seine „Selbstgespräche“ führt und wo es sogar nach Fisch riecht und aus dem „Inneren der Insel“ das Rauschen eines „unterirdischen Meeres“ an die Oberfläche dringt. Dazu gibt es eine Geliebte namens „Effi“ und vieles, was uns von damals noch in Erinnerung ist bzw. was wir um ein Haar vergessen hätten, wäre nicht Lutz Seiler dazwischengekommen und hätte es in seinem Roman sprachmächtig reanimiert: ruinöse Altbauwohnungen, Autos der Marken Opel P4 und Shiguli, anarchische Lebenskünstler, letzte Klassenkämpfer, mafiöse Russen und allerlei andere verlorene Seelen und Dinge mehr.