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Longos: Daphnis und Chloe. Neu übersetzt von Kurt Steinmann, Manesse Verlag, 192 S., gebunden, 22,- €

Kurt Steinmann hat sich mit seinen preisgekrönten Neuübersetzungen der Ilias und Odyssee einen Namen unter Kennern und Liebhabern altgriechischer Literatur gemacht. Jetzt ist in der Klassiker-Reihe des Manesse Verlags seine Übersetzung der antiken Liebesgeschichte um Daphnis und Chloe erschienen, über deren Autor namens Longos nicht viel mehr bekannt ist, als dass er – wie die legendäre Sappho – auf der Insel Lesbos beheimatet gewesen ist und vermutlich am Ende des 2. nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat. Hingegen wurde sein Roman um die Findelkinder Daphnis und Chloe, die im Verlauf ihrer Kindheit und Jugend mehr und mehr ihre Zuneigung füreinander und ihr gegenseitiges erotisches Begehren entdecken, nicht nur von seinen Zeitgenossen, sondern über die ganze Neuzeit hinweg als eine Perle unter den literarischen Zeugnissen aus der Antike betrachtet und gelesen. Kein geringerer als Goethe hat seinem Biographen Eckermann die Empfehlung hinterlassen, sich mindestens einmal in jedem Jahr darin zu vertiefen.

Tatsächlich versprüht der Roman bei allen klischierten Beschwörungen bukolischer Unschuld eine erzählerische Leichtigkeit und Raffinesse, die ihn bis heute zu einem literarischen Erlebnis macht. Kaum je ist unbefangener über die verführerische Schönheit jugendlicher Körper geplaudert worden als in dieser auf Lesbos angesiedelten Erzählung. Als zwei von Hirten aufgefundene und aufgezogene Findelkinder entdecken Daphnis und Chloe voller Staunen über sich selbst nach und nach den eigenen Körper und das darin schlummernde Begehren. Die neue Übersetzung von Kurt Steinmann vermag es, diesen zeitlosen Zauber aufs Schönste zu beschwören und kann in Anlehnung an das Wort Goethes uneingeschränkt zur alljährlichen Lektüre empfohlen werden – gerade in Zeiten allgegenwärtiger pädophiler und pornographischer Gefühlsverirrungen und daraus resultierender Verklemmung. Denn wie es an einer Stelle von Longos‘ Roman treffend heißt: „Gegen die Liebe gibt es kein Heilmittel, weder in Form eines Tranks, einer Speise noch gemurmelter Zaubersprüche, keines, außer Kuss und Umarmung und Zusammenliegen mit nackten Leibern.“