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Linn Ullmann: Die Unruhigen, Luchterhand, 416 S., gebunden, 22 €

Der autobiographische Roman Die Unruhigen beschwört gleich zu Beginn jene Urszene, der die Autorin Linn Ullmann ihre eigene Existenz verdankt: die Begegnung des Filmregisseurs Ingmar Bergmann mit der Schauspielerin Liv Ullmann. Indes nimmt nicht nur das Dasein der Erzählerin mit dieser Begegnung seinen Anfang: Ingmar Bergman erwirbt für sich und seine Geliebte auch ein Grundstück nahe Hammars auf der nördlich von Gotland gelegenen Insel Fårö, das er mit einem eigenen Kino ausstattet und das seiner weitverzweigten Familie mit neun Kindern von diversen Frauen in der Folge als sommerlicher Begegnungsort dient. Es ist schließlich eben dieses Inseldomizil, in dem Bergman unter dem Eindruck fortschreitender Demenz seine letzten Lebenstage verbringt. Ursprünglich hat der Regisseur offenbar selbst mit der Idee gespielt, das eigene Vergreisen zu beobachten und unmittelbar zu beschreiben – mit dem Nachlassen seiner geistigen Kräfte sprang die Tochter und erfolgreiche Schriftstellerin in die Rolle der Chronistin ein, für die die gemeinsame „Arbeit“ sich zugleich als ein Mittel zum Zweck erwies, nochmals dem Vater und der eigenen Vergangenheit zu begegnen. All dies wird von ihr in diesem als „Roman“ ausgewiesenen Text beschrieben, ohne dass die Betroffenen beim Namen genannt werden: „Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte“, heißt es in einer eingestreuten Reflexion der Autorin, „ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren“. Was Ullmanns Buch außergewöhnlich und lesenswert macht, ist ihre Fähigkeit, nüchtern-distanzierte Reflexion, die drängenden eigenen Erinnerungen, deren offen eingestandenen Lücken und die zunehmend unzusammenhängenden Äußerungen des dementen Vaters sprachlich zu balancieren. Die verschiedenen inneren und äußeren Stimmen fügen sich zu einer gleichsam sinfonischen Montage, in der die Menschlichkeit selbst mit aller ihr anhaftenden Tragikomik zum Sprechen kommt – sodass sich schließlich sogar das Versagen des Greises, Worte für seine Erinnerungen und seine Befindlichkeit zu finden, in ein alle Beteiligten übersteigendes Ganzes fügt und derart eine nachträgliche Sinnhaftigkeit und Schlüssigkeit erlangt.