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Kristine von Soden: „Ob die Möwen manchmal an mich denken?“. Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee, Aviva Verlag, 204 S., gebunden, 20 €

In akribischen Archiv- und Presserecherchen hat Kristine von Soden historische Dokumente über den schon seit Ende des Ersten Weltkriegs rasant zunehmenden Antisemitismus in den deutschen Ostseebädern zusammengebracht. Ihre Materialsammlung über die Diffamierung und Vertreibung jüdischer Badegäste beleuchtet eines der dunkelsten Kapitel der Kulturgeschichte der Ostseebäder und konfrontiert ihre Leser mit bestürzenden Passagen. Lange bevor der Antisemitismus mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in ganz Deutschland zur Staatsdoktrin wurde, machte sich in den Ostseebädern schon seit den 1920er Jahren ein spürbarer „Progromwind“ bemerkbar, wie es in einer zeitgenössischen Reflexion heißt. Dabei bildete die Insel Rügen keineswegs eine Ausnahme, wie mehrere von der Autorin angeführte Beispiele zeigen. In Binz wehten bereits 1924 Hakenkreuzfahnen von den Giebeln eines großen Strandhotels und Zeitungsverkäufer boten nebenher Hakenkreuze an. Die Badeverwaltung von Lohme erklärte ihrerseits im Jahr darauf auf Anfrage, dass „jüdisches Publikum dort nicht gern gesehen werde“. Immerhin attestiert Joseph Roth den Rüganern, dass sie nicht „hakenkreuzlerisch von Natur aus“ seien, vielmehr würde der „völkische Dunst“, der sich über Purpurknabenkraut und Frauenschuh legt, von den auswärtigen Badegästen auf die Insel transportiert.