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Karen Köhler: Miroloi, Hanser, 464 S., gebunden, 25 €

Das Wort „Miroloi“ ist Griechisch und bedeutet „Klagelied“. Kaum ein Buch der Saison ist so ausgiebig besprochen und gleichermaßen gefeiert und verrissen worden wie Karen Köhlers gleichnamiger Debütroman. Die Heldin des Buches ist eine widerspenstige junge Frau, die als Findelkind auf einer fiktiven griechischen Insel namens „Schöne Insel“ aufgewachsen ist – in einem Dorf namens „Schönes Dorf“, wo tradierte Bräuche gelten, Frauen so gut wie keine Rechte haben und die Macht der Männer keine Grenzen kennt. Die namenlose Ich-Erzählerin kann nicht anders, als gegen diese Strukturen aufzubegehren, und eben davon erzählt dieses Buch, dem die Autorin einen bezeichnenden Satz von Hannah Arendt vorangestellt hat: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Im Verlauf ihrer Rebellion entdeckt die Romanheldin nicht zuletzt die Macht der Sprache und erlernt etwa, durch den Gebrauch des Konjunktivs scheinbar unzweifelhafte Gewissheiten zu hinterfragen. Bei aller Eigenwilligkeit, sprachlichen Hast und dem mitschwingenden Pathos weiß der Text bis hierhin die Neugier des Lesers immer wieder zu nähren. Da es der Autorin jedoch beinahe um alles geht, was Frauen ausmacht und worunter sie nach Jahrtausenden des Patriarchats bis heute leiden, lässt die Spannung bald nach und erschöpft sich in immer neuen Variationen desselben „Klagelieds“. Nichtsdestotrotz sei diese außergewöhnliche Inselerzählung zu einem virulenten Thema nachdrücklich empfohlen.