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Jérôme Ferrari: Nach seinem Bilde, Secession Verlag für Literatur, 208 S., Leinen, 20 €

Der korsische Goncourt-Preisträger Jérome Ferrari hat auch in seinem neuen Roman mehrere Themen und Handlungsstränge kunstvoll zusammengeführt: die Geschichte und phänomenologische Tiefendimension der Fotografie, den korsischen Separatismus seit den 1970er Jahren, den Jugoslawienkrieg in den 1990ern und von all dem angeregte philosophische und religiöse Überlegungen über Tragik und Sinn menschlichen Lebens und Sterbens. Die Hauptfigur des Buches ist eine Fotografin und Kriegsreporterin. Der Roman beginnt im August 2003, als diese in der korsischen Hafenstadt Calvi auf Korsika einen Söldner wiedertrifft, an dessen Gesicht sie sich aus dem Jugoslawienkrieg erinnert, und am folgenden Tag tödlich verunglückt. Die an dieses knapp geschilderte Ereignis anschließenden, aus wechselnden Perspektiven erzählten Rückblenden führen dem Leser nicht nur das so kurze wie intensive Leben der Heldin vor Augen, sondern lenken dessen Blick weit darüber hinaus auf verschiedenste Schauplätze und bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch wenn es der Philosoph und Schriftsteller Jérôme Ferrari dem Leser nicht leicht macht, die verschiedenen Fäden seiner Romanhandlung festzuhalten, vermag er ihn immer wieder mit momentanen Offenbarungen zu erschüttern, deren Wirkung mit der bestimmter fotografischer Momentaufnahmen vergleichbar ist. Die Art und Weise, wie der Autor mit seinen Worten die Macht von Bildern beschwört, erweist sich dabei als formaler Kunstgriff, der seiner Geschichte um Leben, Sterben und Bilder unmittelbar korrespondiert.