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Jean-Marie Gustave Le Clézio: Alma, Kiepenheuer & Witsch, 357 S., gebunden, 25 €

J. M. G. Le Clézios neuer Roman Alma ist eine Hommage an die Insel Mauritius im Indischen Ozean, auf der er einen großen Teil seiner Kindheit verbracht hat. Der in Nizza geborene, später u.a. in Nigeria, Südfrankreich und England ansässige Autor bekennt offen, dass Mauritius ihm aus dem Rückblick zu seiner „Heimat“ geworden ist und sein Buch unverkennbar autobiographische Züge trägt. Diese verteilt Le Clézio indes auf zwei gegensätzliche Helden: Der erste ist der Forscher Jérèmie Felsen, dessen Vater von der Insel stammt. Ein diesem heiliger Kieselstein, von dem es heißt, dass er aus dem Magen eines auf Mauritius beheimateten, vor mehr als 300 Jahren ausgestorbenen Laufvogels mit dem Namen „Dodo“ stammt, facht die Neugier des Helden auf seine familiären Ursprünge an. Denselben Spitzamen „Dodo“ trägt im Roman auch ein von Krankheit entstellter, mittel- und obdachloser weiterer Spross der Familie Felsen, der auf Mauritius aufgewachsen ist, im Verlauf der Geschichte allerdings nach Frankreich gelangt. Die Stimmen dieser beiden gegensätzlichen Helden treten im Roman in eine Art Ferndialog, mit dem der Autor die klassische Konstellation von „weißem Mann“ und „edlem Wilden“ zitiert, wie sie im literarischen Erbe Europas schon seit dem 17. Jahrhundert eine prominente Tradition hat. Was Le Clézios literarischen Ansatz indes von solchen Vorgängern unterscheidet und ihn als Autor des 21. Jahrhunderts ausweist, ist der Versuch eines gleichsam postkolonialen Erzählens, das mit zwei unterschiedlichen, auf eigene Weise „authentischen“ Stimmen die moderne Geschichte, das koloniale Erbe und die alle menschengemachten Katastrophen überdauernde Natur zum Thema hat.