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Inger-Maria Mahlke: Archipel, Rowohlt, 432 S., gebunden, 20 €

Der in diesem Herbst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman Archipel von Inger-Maria Mahlke ist auf der Insel Teneriffa angesiedelt, wo auch die Autorin selbst als Tochter einer kanarischen Mutter einen Gutteil ihrer Kindheit verbracht hat. Er beginnt mit der Rückkehr der 21-jährigen Heldin und vorerst gescheiterten Studentin Rosa aus Madrid in ihr Elternhaus im Jahr 2015 und erzählt von diesem Moment ausgehend gleichsam rückwärts die turbulente hundertjährige Geschichte ihrer Familie. Das ganze Epos „endet“ schließlich im Jahr 1919 mit der Geburt von Rosas Großvater Julio Baute, der als Gegner Francos im spanischen Bürgerkrieg gekämpft und danach sieben Jahre in einem Lager verbracht hat, von wo aus er traumatisiert nach Hause zurückkehrt ist. Sieben Jahrzehnte später, als 96-jähriger Greis, dient er in einem Altenheim auf Teneriffa als Pförtner  und vertreibt sich die Zeit damit, dass er im Fernsehen die Tour de France schaut – nicht ohne Grund, wie sich in der Rückschau zeigt. So schwer die Autorin ihren Lesern durch die eigenwillige rückwärts schreitende Erzählstrategie das Verfolgen der Handlungsstränge gelegentlich macht, erzeugt sie damit doch einen außergewöhnlichen Sog, der etwas von einem meditativen Eintauchen in früheste Erinnerungen und Prägungen hat. Dabei erweist sich die Inselszenerie, die dem Buch seinen Titel gibt, in mehrerlei Hinsicht als Symbol und metaphorische Klammer: Nicht nur, dass sich die Geschichten der mütterlichen und väterlichen Vorfahren der Heldin sowie des im Haus der Familie tätigen Dienstmädchens gleich einer Inselgruppe beziehungsreich miteinander verschränken – Mahlke nutzt auch das klassische Motiv eines insularen Mikrokosmos, um darauf die dramatische und traumatische Geschichte des 20. Jahrhunderts einzublenden und anhand einer räumlich und zeitlich eben noch überschaubaren Familiengeschichte zu erzählen.