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Ian McGuire: Nordwasser, mareverlag, 304 S., gebunden, 22 €

Der Roman Nordwasser des britischen Autors Ian McGuire wurde nach seinem Erscheinen bereits in England und den USA gefeiert, und auch die deutsche Übersetzung aus dem Hamburger mareverlag hat unterdessen ein breites Medienecho gefunden. Ort der Handlung ist ein Walfangschiff der 1860er Jahre, die Hauptfigur der Militärarzt Patrick Sumner, Invalide des indischen Kolonialkriegs und opiumsüchtiger Intellektueller, der darauf angeheuert hat und im Verlauf der Reise in Richtung Grönland Zeuge eines Exzesses menschlicher Brutalität wird. McGuire knüpft bei seiner Erzählung an die Romane von Joseph Conrad und Melvilles Moby Dick an, erinnert in seiner poetischen Sprache aber auch einen lyrischen Nihilismus, wie man ihn in diversen Schattierungen vom frühen Gottfried Benn bis hin zu Tom Waits kennt. Mag der Text zu Beginn eher durch seine rauhe Schnoddrigkeit mit allen dazugehörigen Männlichkeitsklischees auf den Leser wirken, erweist er sich im weiteren Verlauf eher als Probebühne jener monströsen Seite der Modernität, die in den letzten 200 Jahren der Weltgeschichte immer wieder mörderische Blüten geschlagen hat.