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Hugh Aldersey-Williams: Flut. Das wilde Leben der Gezeiten, Hanser, gebunden, 24 €

Hugh Aldersey-Williams gehört zu jener Garde britischer Naturwissenschaftler, die es meisterhaft verstehen, ein reiches Material an Daten und Fakten in Form spannender, allgemein verständlicher und stilistisch brillanter Erzählungen darzubieten. Nach erfolgreichen Büchern über das „Leben“ der chemischen Elemente und die Anatomie des menschlichen Körpers hat er sein neuestes Werk den Gezeiten sowie der Geschichte ihrer Erkenntnis und Beschreibung gewidmet. Dabei gelingt ihm der Spagat, das hochkomplexe und erst in allerjüngster Zeit einigermaßen wissenschaftlich erfasste Naturphänomen von Ebbe und Flut einerseits für den Laien verständlich zu beschreiben und anderseits die Fülle poetischer und metaphorischer Erzählungen vor Augen zu stellen, die das Nachdenken darüber seit der Antike begleiten. So biss sich schon Aristoteles im 4. vorchristlichen Jahrhundert an einer Gezeitentheorie die Zähne aus und soll sich der Sage nach sogar im Meer ertränkt haben, weil es ihm nicht gelang, den Vorgang plausibel zu beschreiben. Neben den durch die Gezeiten angeregten physikalischen Spekulationen von Galilei, Newton und weiteren Heroen der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte räumt Aldersey-Williams in seinem Buch gleichermaßen auch den metaphorischen und literarischen Resonanzen, etwa bei Defoe, Stevenson, Poe, Verne und Hugo, Raum ein. Nicht zuletzt verblüfft er den Leser mit originellen – zuweilen poetischen, zuweilen komischen – Beobachtungen bei seinen eigenen Spaziergängen an den Küsten der britischen Inseln.