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Hanya Yanagihara: Das Volk der Bäume, Hanser Berlin, 480 S., gebunden, 25 €

Hanya Yanagihara, Tochter eines Hawaiianers japanischer Abstammung und einer südkoreanischen Mutter, wuchs in Hawaii auf und gibt das Style Magazine als Wochenendbeilage der New York Times heraus. Ihr Roman Ein wenig Leben, der vor zwei Jahren auf Deutsch erschien, wurde dank der außergewöhnlichen Begabung Yanagiharas, Gefühle, Schmerz und Gewalt zur Sprache zu bringen, zu einem Weltbestseller. Nun ist auch ihr in den USA schon vorher erschienener Erstlingsroman in deutscher Übersetzung verfügbar und beschert eine mindestens ebenso große literarische Überraschung.

Das Volk der Bäume ist durch persönliche Erfahrungen der Autorin angeregt und geprägt, angefangen vom Aufwachsen auf einer Pazifikinsel bis zur Bekanntschaft mit dem US-amerikanischen Mediziner Daniel Carleton Gajdusek, der 1976 für seine virologischen Forschungen den Nobelpreis erhielt und zwanzig Jahre später wegen Kindesmissbrauchs ins Gefängnis kam. Tatsächlich arbeitete Yanagiharas Onkel zusammen mit Gajdusek am selben medizinischen Institut, und die Parallelen zwischen dessen Lebensgeschichte und der des Romanhelden Norton Perina sind überdeutlich. Wo der authentische Nobelpreisträger Gajdusek nachweisen konnte, dass ein Inselvolk eine bestimmte Krankheit bekam, weil es sich bei Ritualen mit dem Hirn von Verstorbenen einrieb, entdeckt der fiktive Mediziner Perina auf einer ebenso fiktiven Pazifikinsel ein Volk, dessen Mitglieder durch den Verzehr einer bestimmten Schildkröte offenbar unsterblich werden. Die Geschichte, präsentiert als autobiographische Aufzeichnung des Helden, die er nach seiner Verurteilung im Gefängnis zu Papier gebracht und die ein früherer Kollege mit Anmerkungen und Kommentaren versehen hat, fesselt von der ersten bis zur letzten Seite, nicht nur wegen ihrer brisanten Thematik, sondern auch aufgrund des lakonischen zuweilen regelrecht brutal anmutenden Erzähltons der Autorin und ihres Einblicks in den modernen Wissenschaftsbetrieb.