Go to Top

Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich, Rowohlt Berlin, 253 S., gebunden, 20 €

Das fiktive Tagebuch des entlassenen Wirtschaftsredakteurs einer großen deutschen Zeitung mit dem Spitznamen „Kassandra“, das Friedrich Christian Delius in seinem neuen Roman präsentiert, beginnt fünf Tage nach der von Angela Merkel gewonnenen Bundestagswahl am 30.9.2017 und endet am 9.7. des Folgejahres, während die letzten Tranchen des EU-Hilfspakets für Griechenland angewiesen werden. Der Tagebuchschreiber hat diese Notizen seiner 18-jährigen „aufgeweckten Nichte“ zugedacht, auf dass sie dereinst seine Hellsichtigkeit würdigen möge, die die Zeitgenossen von anno 2017/18 ignorierten: „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“. Anlass des Titel gebenden Kassandra-Rufs ist der sich im Schatten der medialen Aufregungen vollziehende Vormarsch der neuen chinesischen Supermacht, die – während die Europäer mit viel Getön „Griechenland retten“ – klammheimlich die Insel Santorin und den Hafen von Piräus unter ihre Kontrolle bringt. Der Autor genießt es sichtlich, die zeithistorischen Reflexionen seines Ich-Erzählers mit phantastischen Ausmalungen einer bevorstehenden chinesischen Invasion auf Rügen zu konterkarieren – von der Inbesitznahme und touristischen Vermarktung des „Rasenden Roland“ bis zur endgültigen feindlichen Übernahme der Insel. Im letzten Teil des Buches wandert der Tagebuchschreiber auf dem Hochuferweg von Sassnitz in Richtung Königstuhl und halluziniert dabei, wie die siegreichen Chinesen der „deutsch-chinesischen Kanzlerin“ Merkel irgendwann auf den Kreidefelsen ein Denkmal errichten.

Der Büchner-Preisträger F.C. Delius hat sich als literarischer Chronist der deutschen Gegenwart schon seit den Zeiten der deutschen Teilung einen Namen gemacht. Sein jüngster „Roman“ bietet für Freunde seines essayistischen Schreibstils und für passionierte Rügen-Fans gleichermaßen eine vergnügliche Lektüre. Allerdings stellt sich auch die Frage, ob Delius‘ Alter Ego „Kassandra“ bei seiner leichtfüßigen Zeitkritik nicht seinerseits einige weit bedrohlichere Auspizien als den Vormarsch der Chinesen übersieht.