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Friedrich Christian Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich, Rowohlt Berlin, 253 S., gebunden, 20 €

Der Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius hat sich als literarischer Chronist der Gegenwart schon in Zeiten der deutschen Teilung einen Namen gemacht. In hiesigen Gegenden wurde er vor allem durch seine 1995 erschienene Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus bekannt. Sein jüngster Roman bietet nicht nur für Freunde seines essayistischen Schreibstils, sondern auch für Rüganer und passionierte Rügen-Urlauber eine anregende und vergnügliche Lektüre. Darin präsentiert F.C. Delius das fiktive Tagebuch eines entlassenen Wirtschaftsredakteurs, das dieser fünf Tage nach der Bundestagswahl am 30.9.2017 beginnt und bis zum 9. Juli des Folgejahres weiterführt, an dem die letzten Tranchen des EU-Hilfspakets für Griechenland angewiesen werden.

Der Tagebuchschreiber mit dem Spitznamen „Kassandra“ hat diese Notizen seiner 18-jährigen „aufgeweckten Nichte“ zugedacht, auf dass sie dereinst seine Hellsichtigkeit würdigen möge, die seine Zeitgenossen ignorierten: „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich“. Anlass des Titel gebenden Kassandra-Rufs ist der sich im Schatten der medialen Aufregungen vollziehende Vormarsch der neuen chinesischen Supermacht, die – während die Europäer mit viel Getön „Griechenland retten“ – klammheimlich die Insel Santorin und den Hafen von Piräus unter ihre Kontrolle bringt. Delius konterkariert die zeithistorischen Reflexionen seines Ich-Erzählers mit phantastischen Ausmalungen einer bevorstehenden chinesischen Invasion auf Rügen – von der Inbesitznahme und touristischen Vermarktung des „Rasenden Roland“ bis zur endgültigen feindlichen Übernahme der Insel. Wenn der Held zu guter Letzt auf dem Hochuferweg von Sassnitz in Richtung Königstuhl wandert, stellt er sich vor, wie die siegreichen Chinesen der „deutsch-chinesischen Kanzlerin“ Merkel auf den Kreidefelsen ein monumentales Denkmal errichten. Allerdings ließe sich fragen, ob Delius‘ Alter Ego „Kassandra“ bei seiner leichtfüßigen Reflexion über den Vormarsch der Chinesen nicht einige weit bedrohlichere Auspizien am Horizont der Gegenwart übersieht.