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Edoardo Albinati: Ein Ehebruch, Berlin Verlag, 125 S., gebunden, 20 €

Edoardo Albinati, Jahrgang 1956, Regisseur, Journalist, Lehrer, Übersetzer und Autor, wurde in Italien vor allem mit seinem 2016 erschienenen Monumentalroman Die katholische Schule bekannt, für den er den renommierten Literaturpreis Premio Strega erhielt. Sein neuer Roman Ein Ehebruch, der eher die Bezeichnung als Novelle verdient, hat bei der Kritik ein gespaltenes Echo ausgelöst – uns aber ganz und gar positiv überrascht: als eine sprachlich präzise und psychologisch meisterhafte Liebesgeschichte, wie sie auf dem Buchmarkt selten ist und mit dem Sehnsuchtsgewitter gängiger Inselschmöker nichts gemein hat. Die Helden Clementina und Erri, ein aus einer Zufallsbekanntschaft hervorgegangenes Liebespaar, verabreden sich zu einem gemeinsamen Wochenendausflug auf eine Insel im Mittelmeer, ohne ihren jeweiligen Ehepartnern etwas davon zu sagen. Worum es dabei geht, ist in erster Linie der obsessive Vollzug des geplanten Ehebruchs – eine leidenschaftliche Begegnung, bei der sich die Protagonisten zugleich nahekommen und fremd bleiben, ein Spiel mit der Sehnsucht, sich in der gemeinsamen Affäre auf lustvolle Weise „zu verlieren“. Albinati buchstabiert diese Versuchsanordnung ganz ohne romantisches Pathos und dennoch mit einem großen Feingefühl für menschliche Emotionen. Nach außen hin passiert bei einem solchen Seitensprung nicht viel – und doch offenbaren die darin verstrickten Protagonisten das weite Feld ihrer zutiefst menschlichen Sehnsüchte und inneren Nöte.