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Catherine Merridale: Lenins Zug, S. Fischer, 384 S., gebunden, 25 €

Die britische Historikerin Catherine Merridale hat sich schon seit Jahren mit fundierten Büchern zur russischen und sowjetischen Geschichte im 20. Jahrhundert hervorgetan. Ihrem pünktlich zum 100. Jahrestag der Revolution von 1917 bei S. Fischer erschienenen Band Lenins Zug ist allerdings nichts fremder als professorale Gelehrsamkeit. Vielmehr hat sich die Autorin dafür selbst auf die Zugreise von Zürich über Sassnitz nach St. Petersburg gemacht und Lenins konspirative, en detail mit deutschen Behörden abgestimmte Fahrt in denselben Etappen und an denselben Frühlingstagen nachvollzogen. Das daraus erwachsene Buch besticht gleichermaßen durch die persönlichen Beobachtungen und Reflexionen wie durch die Fülle des darin eingegangenen Recherchematerials, den unterhaltsamen Schreibstil und das vom russischen Konstruktivismus der Revolutionszeit inspirierte Cover. Stellenweise könnte man beim Lesen glauben, die Autorin habe dazumal im selben Zug wie Lenin gesessen – doch der zugleich pointierte und typisch britische Stil der Berichterstattung macht die allzu weit gehende Identifikation mit dem Helden umgehend wieder wett.